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Das große Danziger Stadtfest

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Die Langgasse läßt durch einen Ratsherrn den Glückwunsch überreichen
ie alte ehrwürdige Stadt Danzig beschloß einst, ihren Geburtstag festlich zu begehen. Zu dem Zwecke wurden einige Tage vorher die drei Steindämme entboten, um mit Hilfe der Steinschleuse das Straßenpflaster in Ordnung zu bringen. Man sah sie deshalb fleißig Am Stein beschäftigt, und der Rammbau mußte stets dicht hinter ihnen arbeiten. Der Mauergang wurde zur Kalkgasse und zur Sandgrube gesendet, um mit dem nötigen Material ausgerüstet, die Unebenheiten an den Häusern und an den Bewohnern derselben auszugleichen. Die Malergasse erhielt den Auftrag, dem Ganzen einen festlichen Anstrich zu verleihen. Noch ehe die Morgenröte des festlichen Tages anbrach, wurden die Pestilenzhäuser und die 5 Stinkgänge, die sich in der Stadt befinden, fest verschlossen und verpicht, damit man an diesem Tage wenigstens reine Luft atme. Dann wurde das Fest um 6 Uhr morgens durch das Glockentor eingeläutet. Um 8 Uhr wurde große Audienz erteilt. Die Altstadt präsidierte auf ihrem Rathause, die Rechtstadt ihr zur Rechten, die Niederstadt zur Linken. Vor ihnen standen die Vorstädte, die Wälle bildeten die Leibwache, das Ganze war von dem Rahm eingeschlossen. Zuerst erschien das rechtstädtische Rathaus mit den Ratsherren und Stadtverordneten, jedoch ohne den Schüdderkopp, dann das Stadtgericht und das Admiralitätsgericht mit ihren Präsidenten und Räten, das Polizeigebäude mit seinem Präsidenten, dem Direktor und den Räten, der Artushof mit den Ältesten der Kaufmannschaft, fußend auf dem Ratsweinkeller, der Stadthof mit der Feuerwehr, das Langgasser Tor mit der Kunstschule in der Tasche und das ehrwürdige Grüne Tor mit dem kahlen Haupte.
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Die alten Festungswalle als Leibwache
Dann erschienen sämtliche Pfarr-, Sprengel- und Hospitalskirchen, sowie das Gymnasium, die Realschulen und die Handelsakademie mit ihren Direktoren, Professoren und Lehrern. Das Schauspielhaus konnte nicht mitmachen, weil es, wie gewöhnlich, im Sommer leer stand, und es nicht ratsam ist, bei hohen Herrschaften mit leerem Magen zu erscheinen. Dann kamen die Gewerke in folgender Ordnung: die Fleischergasse eröffnete, wie es Sitte zu sein pflegt, den Zug auf dem Alten Roß, das zu dem Zwecke an der Pferdetränke die nötigen Kräfte gesammelt hatte. Dann folgte die Goldschmiede- und Malergasse, die Schmiede- und Ankerschmiedegasse, die Große und Kleine Wollwebergasse, die Große und Kleine Bäckergasse, die Große und Kleine Gerbergasse, die Große und Kleine Hosennähergasse, die Tischler- und Böttchergasse, die Schirrmacher- und Näthlergasse, die Töpfer- und Mälzergasse, die Kürschnergasse und der Mauergang, endlich der Zimmerhof und der Eimermacherhof. Der Faulgraben wollte mit seiner Cousine, der Faulengasse, gleichfalls aufwarten, kam aber zu spät. Man hatte sich bereits zur Andacht begeben, die von der Heiligen-Geist-Gasse, dem Heiligen-Geist-Tore, der Priester- und Pfaffengasse gehalten wurde. Darauf folgte große Parade, die die Kommandantur abnahm. Es erschien der Bischofsberg mit seinem neuen Helm, der Hagelsberg in französischer Uniform, sowie die verschiedenen Bastionen, die ihre Brustwehren präsentierten. Dann wurde ein allgemeiner Umzug um die ganze Stadt gehalten, wobei sich alle Plätze, Straßen, Gassen und Gänge beteiligten, natürlich mit Ausnahme der Stinkgänge.
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Die Fleischergasse auf dem Alten Roß
Den Zug eröffneten die hohen und höchsten Behörden, die Turmwächter mit ihren hoch geborenen Familien. Dann kam die Burggrafen- und Burgstraße, dann die Ritter- und Schloßgasse. Die übrigen schlössen sich nach Belieben in bunter und buntester Reihe an; denn es sollte zugleich ein Fest allgemeiner Verbrüderung und Verschwesterung sein. Die Reitergasse verteilte sich zu beiden Seiten des Zuges, um die nötige Ordnung zu erhalten. Dies war sehr nötig; denn die Hundegasse machte allerlei Kreuz- und Quersprünge über den Altstädtischen und Vorstädtischen Graben, und war immer im Begriff, auf die Katergasse loszufahren. Die Katergasse schlich der Mausegasse nach, und Reinkes Gang schielte sehr lüstern nach der Hühnergasse und nach dem Hühnerberge. Die Tobiasgasse dagegen zeigte eine kindische Furcht vor der Schwalbengasse, die sich mit der Sperlings- und Kiebitzgasse in den Lüften wiegte, und sich ein Vergnügen daraus machte, die Tobiasgasse zu ängstigen und die Katergasse zu foppen. Die Adebargasse konnte nicht erscheinen, weil sie im Hebammen-Institut beschäftigt war. Inzwischen waren die Vorbereitungen zu einem großen Mittagsmahle gemacht worden. Die Fleischergasse hatte dazu die Ochsengasse, die Schäferei und den Schweinewinkel eingeschlachtet, und die Vorräte in den Fleischbänken angehäuft, auch hatte der Kaninchenberg einen Beitrag geliefert. Das Geflügel kam aus der Hühner - und Kiebitzgasse. Die sehr beliebten Spießvögel lieferte die Sperlingsgasse. Auch wurden junge Tauben eingeliefert, aber anonym. Da sie überdies schon geschlachtet, also ohne Köpfe und Federn waren, so vermutete man, daß sie von der Krähenschanze gesendet seien. Die Fische lieferte der Fischmarkt, das Fischertor, die Karpfenseigen, die Neunaugengasse und der Pomuchelgang, die Krebse der Krebsmarkt, es war nämlich in einem Monat ohne r. Das feinste Gericht lieferte der Poggenpfuhl, die bekannten Froschkeulen, aber nur für Kenner. Die Adebargasse war mit der Poggenjagd beauftragt worden. Das Gemüse lieferte die Kumstgasse, und die Krausebohnengasse, das Brot die Bäcker- und Brotbänkengasse.
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Der Bischofsberg und Hagelsberg bei der Parade
Die nötigen Zutaten waren in folgender Weise verteilt: das Mehl lieferte die Große Mühle, die Butter der Buttermarkt, die Eier der Hühnerberg. Die sehr bedeutende Milchlieferung hatte der Milchpeter übernommen. Er hatte zu diesem Zwecke das Kuhtor, die Kuh- und Ziegengasse seit mehreren Tagen melken lassen und die Vorräte im Milchkannentor gesammelt. Das Grün lieferte die Petersiliengasse, das Gewürz die Pfefferstadt. Was sonst noch, fehlte, wurde von der Großen und Kleinen Krämergasse und von der Häkergasse entnommen. Das Obst zum Nachtisch lieferte die Baumgartsche Gasse und der Erdbeermarkt.
Alle Gaben wurden dankbar angenommen, nur die der Plauzengasse wurde als ungeeignet zurückgewiesen. Sie schämte sich deshalb ihres Namens und wollte von dem Tage an Poststraße heißen. Aber dieses Nobilitierungsgesuch wurde von den Hypothekengläubigem nicht befürwortet, wahrscheinlich weil sie fürchteten, daß die deutsche Sprache um einen Ausdruck ärmer werden könnte; denn wenn der Gegenstand auch überall bekannt ist, so wird er doch in anderen Gegenden anders benannt. Die Zöglinge des berühmten Halleschen Waisenhauses wurden in älteren Zeiten, als man sie mit diesem Gerichte häufig bedachte, von den reichen Zöglingen des Pädagogiums Kaidaunenschlucker genannt. In Königsberg ist dasselbe Gericht unter dem Namen Fleck sehr beliebt. Doch überlassen wir diese Sprachforschungen der Professorgasse und kehren wir zu unserem Feste zurück. Die Karrengasse hatte reichlich zu tun, alle Speisevorräte nach der Kökschegasse zu schaffen, denn dort sollten sie kunstgerecht zubereitet werden. Das nötige Brennmaterial lieferte die Holzgasse, der Holzmarkt, die Koh1engasse und der Kohlenmarkt, das Kochgeschirr die Töpfergasse.
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Burgstrasse
Der Schnüffelmarkt, der an diesem Tage der Freude keine polizeilichen Funktionen ausüben sollte, war statt dessen zum Aufseher der Küchenangelegenheiten ernannt worden. Er bestieg zu diesem Zweck den Kick in de Köck, und schaute mit Sehnsucht nach den herrlichen Speisen. Er wurde fast schwindelig; denn ein Beamter ist an solche Auswahl und Reichhaltigkeit der Speisen nicht gewöhnt. Nach vollendeter Arbeit mußte die Kökschegasse sehr schnell gesäubert werden; denn auch sie sollte bei der Tafel erscheinen. Die Speisen wurden deshalb an Ort und Stelle gebracht, die Überreste des Feuers wurden auf der Brandstelle vollständig verkohlt und dann nach der Aschbrücke geschafft, sie selbst aber, die Kökschegasse, eilte nach der Seifengasse, um sich von der Küchenarbeit zu reinigen. Inzwischen war durch die Tischlergasse die Speisetafel in der Langgasse und auf dem Langen Markt aufgestellt worden. Die Dienergasse, der die Bedienung oblag, hatte bereits serviert. Die Tafel war mit dem Schüsseldamm reichlich besetzt. Messer und Gabel hatte die Schmiedegasse geliefert. Die Löffel und das nötige Tafelservice spendete die Silberhütte, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß die Mausegasse sehr streng beaufsichtigt werde. Die Ausschmückung hatte das Grüne Tor übernommen. Als Flagge wehte über dem Ganzen der Kagenzimpel. Der Neptun auf dem Langen Markte vertrat diesmal seinen Kollegen Bacchus, der ihm den Rücken mit dem Ratsweinkeller gedeckt hatte. Auch wurden zur Abkühlung überall Flaschen von dem Brausenden Wasser aufgestellt. Nachdem alles in Ordnung war, gab das Glockenspiel von dem Rathausturme das Signal zum Beginne des Festmahles, und zwar durch den Choral: Kommt, Kinder, laßt uns gehen, der Abend kommt herbei. Es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei. Kommt, stärket euern Mut, usw. Sogleich fanden sich alle ein. Ehe man sich setzte, wurde der Schulzengasse die Oberaufsicht übertragen. Diese stellte die Büttelgasse und die Knüppelgasse als Wache an die Zugänge zur Tafel, um diejenigen fern zu halten, denen wegen ihrer Unverträglichkeit und wegen begangener Diebereien der Zutritt versagt war. Zu denselben gehörten die Hundegasse, die Katergasse, die Mausegasse und Reinkes Gang. Als sie sich später nach ihrer Gewohnheit dennoch einzuschleichen wagten, wurden die drei ersteren ergriffen und nach der Gerbergasse geführt, wo sie ihren Lohn empfingen, die Hundegasse durch den Stock, die Katerund Mausegasse durch die Weidengasse. Von dieser Exekution sollte eigentlich niemand etwas erfahren, aber die verschiedenen Hintergassen erfuhren es doch, und empfanden es sehr schmerzlich. Reinkes Gang entwischte durch die Speicherinsel nach Langgarten, und gelangte durch den Krupunder in seinen Bau, der, wie bei allen Füchsen, viele Gänge hatte. Da er in großer Furcht war, begab er sich in die Stinkgänge, wohin ihm natürlich niemand folgte.
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Die Hundegasse fährt auf die Katergasse los Reinkes Gang stellt der Hühnergasse nach
Wir kehren zur Tafel zurück. Die Burggrafen- und Burgstraße saßen mit der Frauengasse obenan, dann kam die Ritter- und Schloßgasse mit der Gertrudengasse, die Junkergasse mit der Jungferngasse usw. Auch der Kassubische Markt war zugelassen worden, nachdem er sich vorher auf die Poliermühle begeben hatte. Er saß mit der Kökschegasse am äußersten Ende der Tafel. Anfangs ging es sehr still zu, weil man mit Halssachen beschäftigt war. Bald aber begannen die Toaste und Tischreden, die leider kein Ende finden wollten. Die Professorgasse zeichnete sich bei denselben besonders aus. Sie schien aber ihre Studien in der Breitgasse gemacht zu haben, ein Ubelstand, den man bei den meisten öffentlichen Reden, sogar in der Stadtverordneten-Versammlung, bemerkt haben will. In der freien Unterhaltung führte die Plappergasse das große Wort. Die Speisen wurden nicht vorgelegt, sondern jeder langte nach Belieben zu. Die Vornehmen und diejenigen, die dafür gelten wollten, wählten den Poggenpfuhl, jedoch bemerkte man, daß es mit einigem Widerstreben geschah, ähnlich wie einst im Gewerbehause, als dort das Alte Roß aufgetischt wurde. Man wendete sich lieber zu der Hühnergasse, mit dem Buttermarkte gebraten. Besonderen Beifall fand der Weiße Hahn, der infolgedessen ganz verschwand. Die soliden Bürgersleute hielten sich an der Ochsengasse und der Schäferei, der Kassubische Markt aber und die Kökschegasse wüteten förmlich in dem Schweinewinkel und der Kumstgasse. Den besten Appetit zeigten die verschiedenen Kirchengassen, sie wetteiferten förmlich, welche wohl den größten Magen habe. Getrunken wurde natürlich nicht wenig. Das Brausende Wasser fand keinen Beifall, weil es nicht der Brunnenansta1t entnommen war. Desto besser mundete der Wein. Viele waren desselben ungewohnt und mochten deshalb auch nicht von der besten Sorte erhalten haben. Die Folgen zeigten sich, als die Tafel aufgehoben wurde. Nicht wenige eilten nach dem Eimermacherhofe, andere waren in den Trangraben versunken, einige mußten sogar, an die Stützengasse gelehnt, nach der Totengasse gebracht werden. Die übrige Gesellschaft begab sich in fröhlichster Laune nach Siegels Kaffee-Garten. Die Große und Kleine Mühlengasse hatten dort bedeutend vorgearbeitet, der Milchpeter hatte sein Kontingent geliefert, der Zucker kam aus den beiden Zuckerfabriken, die damals noch in Danzig bestanden. Darauf vergnügte sich jeder in seiner Weise. Diejenigen, die an ein Nachmittagsschläfchen gewöhnt waren, begaben sich nach der Faulengasse. Die Ritter- und Reitergasse wählten die Reitbahn, die Scheibenrittergasse begab sich hinter die Schießstange und nach dem Schützenhause. Die Junker- und Jungferngasse promenierten unter Aufsicht der Frauengasse auf Langgarten und Neugarten. Der Kassubische Markt und die Kökschegasse waren auf dem St. -Katharinen-Kirchensteige ganz ausgelassen. Auch der Milchpeter wurde dorthin eingeladen, aber er zog es vor, seine Studien in der Kuhgasse zu machen. Die Schar der soliden Bürger und Handwerksleute begab sich Hinter Adlers Brauhaus. Dort hatte die Mälzer- und Hopfengasse für ein kühlendes Getränk gesorgt, die Böttchergasse hatte es hoch aufgestapelt und die Zapfengasse sorgte selbst mit Hilfe des Krantors für eine ganz anständige Kannegießerei. Gegen Abend wurden die nötigen Vorbereitungen zum Balle getroffen. Die Burggrafen- und Burgstraße, die Ritter-, Scheibenritter- und Reitergasse, sowie die Johannis- und Tobiasgasse, auch Erichsgang, waren ballmäßig gekleidet. Besonders glänzte der Anzug der Jakobsneugasse. Die Junkergasse war sehr fein gekleidet, auch durften sich die meisten Handwerkergassen ihres Anzuges nicht schämen. Der Kassubische Markt aber und einige seinesgleichen begaben sich eiligst nach der Großen und Kleinen Hosennähergasse, sowie nach der Tagnetergasse, um sich das Nötige zu besorgen. Die Damen mußten natürlich sämtlich andere Toilette machen. Die Frauengasse begab sich zu dem Zwecke nach der Samtgasse und der Goldschmiedegasse, die Gertruden- und Jungferngasse zuerst nach den Reifschlägerbahnen und dann nach der Allmodengasse, um aus allen Moden die neuesten und schönsten auszuwählen. Die neuesten Moden sind allerdings nicht immer die zweckmäßigsten. Das zeigte sich auch hier. Denn als sie in ihren Krinolinen eine enge Gasse zu passieren hatten, mußten sie im Gänsemarsch gehen, was schon zu einigen unpassenden Bemerkungen Anlaß gab. Noch peinlicher aber wurde ihre Lage, als ihnen ein vierschrötiger Sackträger begegnete, erstaunt stehen blieb und, die Hände in die Seiten stemmend, ausrief: „Wo bliew eck?" Er war gutmütig genug, umzukehren, und so dem Gänsemarsch gewissermaßen als Anführer zu dienen. Nach diesem Schrecken begaben sie sich nach der Rosengasse, um möglichst anmutig und jugendlich zu erscheinen. Die Kökschegasse begab sich nach der Jopengasse, und holte ihre Zierde aus der Schleifen- und Lawendelgasse. Sämtliche Damen versammelten sich in der Breitgasse, weil nur hier der nötige Raum vorhanden war. Der Schnüffelmarkt hielt genaue Revue und rief sogleich die Zwirn- und Näthlergasse zu Hilfe, wenn irgend etwas geplatzt war oder sich polizeiwidrige Enthüllungen kundtaten. Als Tanzlokal war von der Berholdschen Gasse der Bärenwinkel vorgeschlagen worden. Dieser Vorschlag fand allgemeinen Beifall, weil schon der Name des Ortes von guter Vorbedeutung war. Alles begab sich dorthin. Man fand das Lokal bereits durch die Laternen- und Ölmühlengasse brillant erleuchtet. Der Ball wurde sogleich durch die Burggrafenstraße und die Frauengasse mit einer Polonäse eröffnet, wodurch sich der Kassubische Markt sehr geschmeichelt fühlte; denn er sah hierin eine seiner Nationalität dargebrachte Huldigung. Dann tanzte die Rittergasse mit der Gertrudengasse ein Menuett. Bei den darauf folgenden Tänzen war die Drehergasse fast immer auf dem Platze. Einige Heiterkeit erregte die Bootsmannsgasse. Sie wollte zeigen, daß sie weit in der Welt umher gewesen sei, und tanzte deshalb nach Art der sogenannten kassubischen Engländer. Der Kassubische Markt fühlte sich durch diese Bemerkung etwas pikiert und zeigte sich nun in seinem vollen Glänze in der Polka, der Mazurka und dem Krakowiak, besonders, wenn es ihm gelang, die Kökschegasse als Tänzerin zu erhaschen, weil sich diese, im Bewußtsein ihrer Kraft, am meisten Mühe gab, seinen nationalen Wendungen und Sprüngen ein Paroli zu bieten. Audi versuchte er sich gern in der Franchise, was ihm aber stets schlecht bekam. Auf die deutschen Tänze sah er mit Verachtung, den Kosak fürchtete er.
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Die Kökschegasse
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Die Kökschegasse läuft zur Saifengasse
Werfen wir während des Tanzes einen Blick nach außen, so bemerken wir unter den Zuschauern eine eigentümliche Erscheinung. Die Große und Kleine Nonnengasse hatten sich nämlich auf dem Nonnenhofe versammelt und waren von dort aus in Prozession nach dem Tanzlokal gezogen. Sie hatten die vier Dämme mitgenommen, um sie der höllischen Tanzwut entgegenzustellen. Zu demselben Zwecke war die Münchengasse mit dem Englischen Damm erschienen. Aber je näher sie kamen und je lauter ihnen die Aufforderung zum Tanze von Carl Maria v. Weber in die Ohren tönte, desto mehr sank ihnen der Mut. Sie schlichen in aller Stille zu den Fenstern des Bärenwinke1s , wo man ihnen ehrerbietig Platz machte, und sahen dem tollen Treiben nicht ohne Interesse zu. Die Jüngeren sollen sogar bedeutende Zuckungen in den Füßen verspürt haben. Als dies später die Pfaffengasse erfuhr, machte sie Anzeige bei dem alten Bischofsberge, der notgedrungen die Schuldigen bestrafen mußte. Er tat es ungern, denn er war ein gutmütiger schwacher Mann, der es nicht verhindern konnte oder wollte, daß man ihm allwöchentlich bei verstärktem Orchester auf dem Kopfe tanzte.
Auf dem Balle waren inzwischen sämtliche Schuhe und Stiefel zertanzt worden; denn die Holzschneidegasse und der Dielenmarkt hatten einen sehr rauhen Fußboden geliefert, auch fehlte es nicht an Material aus der Sandgrube. Jetzt war guter Rat teuer. Die Korkenmachergasse half aus der Not. Sie ließ sogleich einen bedeutenden Vorrat ihres Fabrikats holen. Die Frauengasse war sehr mißmutig, daß ihre Hauptwaffen, die Korken oder Pantoffeln, in dieser Weise verbraucht werden sollten, und drang darauf, man möchte sich lieber auf die Socken machen. Aber die junge Welt freute sich unendlich über die Korken und hatte einen guten Rückhalt an den Ehemännern, die nun, zum Schrecken der Frauengasse, wie toll und blind tanzten. Auf Korken, namentlich auf Holzkorken zu tanzen, ist nicht leicht. Die Kökschegasse war darin am gewandtesten. Besonders gut klappte nun die Mazurka,- aber der Zephir, der Lieblingstanz des zarten Milchpeter, mußte ganz aufgegeben werden. Allgemeine Müdigkeit konnte nicht ausbleiben und man ruhte ab und zu auf der Brabankaus.
Als gegen Ende des Balles eine Generalpause entstand, erschienen ganz unerwartet sämtliche Gläubiger mit den Rechnungen des Tages, weil sie hier die ganze Gesellschaft beisammen wußten und die Hoffnung hegten, daß sich einer vor dem andern in prompter Zahlung hervortun werde. Aber sie irrten sich sehr. Es fanden sich verschiedene Polnische Haken. Die Vornehmen fanden das Mahnen überhaupt sehr unnobel und drohten mit Entziehung der Kundschaft. Viele drückten sich in dem großen Trubel, die Furchtsamen eilten nach der Klapperwiese, weil die Knüppelgasse eine sehr drohende Miene annahm. Die Leichtfertigen begaben sich auf den Feldweg, gerieten aber bald in die Brocklosengasse, auch fand man später einige derselben Am Sande. Die Seefahrer eilten nach der Bootsmannsgasse, um durch die Schleusengasse zu entkommen und sich in der Schilf gasse zu verbergen, gerieten aber in die Strandgasse und hatten nun Zeit, über den Thornschen Weg nachzudenken. Die Reichen leerten die Börse, die Wohlhabenden die Beutlergasse. Die Halbengasse erbot sich, die Hälfte zu zahlen, und suchte mit Hilfe der Mittelgasse für die Ärmeren einen Akkord auf 50 Prozent zustande zu bringen; aber die Gläubiger gingen darauf nicht ein und drohten sogar mit dem Ketterhager Tor. In ihrer Not gingen sie nun nach der Judengasse, zum Pfandgraben und zum Pumpengange, wodurch sie natürlich auch in die Zinsgasse geraten mußten, die von der Zeit an eine Kehrwiedergasse wurde. Man hat sie oftmals zum Besten der Umwohnenden schließen wollen, weil sie mit den Stinkgängen nahe verwandt ist; aber solange der Pumpengang besteht, wird auch sie wohl ihr Recht behaupten.
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Büttelgasse wacht an der Tafel Die Rittergasse
Nachdem auch dieses Hakelwerk glücklich beendet war, sehnte sich jede: nach Ruhe. Die Herren requirierten das neue Droschken-Institut, das dadurch sogleich bei seinem Entstehen sehr in Aufnahme kam. Wenn die Pferde ermüdeten, wie es in der ganzen Welt eine althergebrachte Sitte der Droschkenpferde ist, dann wurde die Zizausche Gasse vorgelegt. Die Damen bedienten sich der Portechaisengasse. So gelangte die ganze Gesellschaft nach Mattenbuden. Die Herren hüllten sich nun in die Kürschnergasse und schliefen in der Strohgasse und auf Strohdeich. Die Damen wickelten sich in die Große und Kleine Wollwebergasse und schliefen auf dem Heumarkte. Man träumte sehr verschieden. Einigen war es, als bekämen sie mit der Beutlergasse an die Ohren, weil kein Wirtschaftsgeld darin war, andern erschien der Pumpengang als ein schauerlicher Abgrund, andere hörten fortwährend die Bären brummen, die sie im Bärenwinkel und auf dem Bärenhof angebunden hatten, noch andere vernahmen ein gellendes Geschrei aus der Zinsgasse, wie es dort am Sonnabend abend zu hören ist, wenn Zahltag gehalten wird. Die junge Welt träumte dagegen nur von Aller Engel. Man schlief natürlich ziemlich lange. Das Katharinen-Glockenspiel, dem die Reveille übertragen war, durfte nicht länger zögern. Es spielte den nächtigen Choral: „Wachet auf, ruft uns die Stimme", aber vergebens. Darauf wurden kunstfertige Menschenhände entboten, die dieses Glockenspiel mit Hilfe einer Klaviatur in Bewegung zu setzen verstanden. Es ertönte das bekannte Lied: „Steh nur auf, steh nur auf, du Schweizerbub", und zwar mit Variationen im schnellsten Tempo. Nun konnte niemand widerstehen. Auch der Müdeste mußte erwachen, besonders, wenn er musikalisches Gehör hatte. Jeder sprang erschrocken von seinem Lager auf. Als man sich über den Grund des Schreckens orientiert hatte, rief die ganze Gesellschaft mit lautester Stimme, wie auf Kommando: „Alleruntertänigsten guten Morgen.“ So wurde das Glockenspiel zum Schweigen gebracht. Man wollte sich nun zu der neu projektierten Wasch- und Badeanstalt begeben; aber man fand sie nicht. Einige schlugen darauf vor, zum Kutzbach zu gehen. Der Mehrzahl war er aber zu entlegen; deshalb suchte man nähere Gewässer auf. Diejenigen, die böse Träume gehabt hatten, stürzten sich in das Schwarze Meer der Vergessenheit, diejenigen aber, die von Aller Engel geträumt hatten, eilten zum Jordan, der sich damals in das Schwarze Meer ergoß. Später geriet er bekanntlich in das Tote Meer, und seine Gewässer führen nun einen anderen Namen. Nachdem man sich durch ein kaltes Bad gestärkt hatte, bestieg man bellevue auf dem Bischofsberge. Man frühstückte dort fröhlich und wohlgemut, weil man die Hölle und Düvelkau im Rükken hatte, vor sich aber das schöne Danzig und das reiche Danziger Werder.
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Die Burggrafenstraße fordert die Frauengasse zur Polonäse auf Die Große und Kleine Nonnengasse schauen dem Vergnügen zu Die Anklage der Pfaffengasse beim Bischofsberge
Die älteren Teilnehmer des Festes begaben sich nun zu ihren gewohnten Beschäftigungen. Von den jüngeren blieben einige zurück. Sie erinnerten sich mit Entzücken der Liebeserklärungen an dem Ballabende, zogen paarweise nach der Priestergasse und von dort nach Hochzeit im Danziger Werder. Als sie zurückkamen, besuchten sie zunächst die Paradiesgasse und bezogen dann in der Langgasse ein Haus, bekannt unter dem Namen „Adam und Eva". Dort verlebten sie viele süße Stunden; denn es befand sich damals in diesem Hause eine sehr berühmte Konditorei. Größere Feste gaben sie nicht, wohl aber kleinere Familienfeste, besonders wenn die Adebargasse einen Besuch abstattete. Alle Teilnehmer des großen Festes bewahrten eine freundliche Erinnerung an dasselbe. Danzig bewährte auch hier seine viel gerühmte Eigentümlichkeit; denn es ist wohl keine andere Stadt imstande, mit ihren Plätzen, Straßen, Gassen und Gängen ein solches Fest zu veranstalten.
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Die Festwiese auf dem Bischofsberg Das Ende des Festes: Die Fahrt nach Hochzeit
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